Fantasy Leseprobe

Goldfeuer (Kurzgeschichte)

Die Leichenschwelger des Schlachtfeldes stießen herab. Wie die Begleiter der Seelen, die von den Spähren der Götter herabsinken, um das Unsterbliche eines Entschlafenen an den Friedensort jenseits von Kummer und Schmerz zu führen, so schwebten die Raben über entseelten Körpern, deren starre Hände noch die Waffen umkrallten und in deren erstarrten Gesichtern sich erstorbener Haß und überwundener Schmerz zeichnete.

Den ganzen Tag waren die Schicksalsvögel bereits über dem Tal gekreist, in dem sich seit dem Aufgang der Sonne Männer den Tod gaben. Und geduldig hatten sie ausgeharrt bis zum Herabsinken des goldenen Himmelslichts, als das Klirren der Schwerter, das Sirren der Bogen und das Brechen der von der Streitaxt getroffenen Schilden verklang. Nun stießen sie herab auf das unübersehbare Leichenfeld, um ihr schauerliches Mahl zu halten. Und reichlich hatte der schreckliche Gott des Krieges den schwarzgefiederten Vögeln den Tisch gedeckt. Doch eilen mußten sie sich mit dem Mahl. Denn wenn die Schatten der Nacht heranjagten, würden sie den Wölfen weichen, die im Silberlicht des Mondes dem Gott ihren Dank für die reichliche Speisung in die gestaltlose Schwärze hinauf heulten.

Stille lag über dem Feld, auf dem die Gegner des heutigen Morgens jetzt starr und bleich beieinander lagen. Tote Augen starrten durch den Himmel hinauf zu den Thronen der Götter. In den wächsernen Gesichtszüge unter zerklafften Helmen spiegelte sich das Grauen der Schlacht und den Schmerz der Todeswunde wieder. Erstorbene Fäuste umklammerten das Schwert oder den Speer, damit die Waffe vor dem Thron eines gnadenlosen Gottes für einen tapferen Tod in der Schlacht zeugen konnte. Hochgewachsene Gestalten in prächtiger Rüstungen mit wehendem Helmbusch lagen neben hartgesichtigen Männern in einfachen Lederkollern mit primitiven Sturmhauben. Ob eine goldglänzende Rüstung mit dem Purpurmantel oder ein derber Lederpanzer und ein Umhang aus groben Wollstoff, der Tod hatte sie alle gleich gemacht.

Im Leben waren sie Herren von hohem Stand, Handwerker der Städte oder Bauersleute vom Lande gewesen. Beim Erwachen der Sonne war jeder von ihnen für die Sache seines Herrschers in die Schlacht gezogen waren. Beim Niedergang des Tagessterns aber waren die lebenssprühenden Kriger des Morgens nur noch leblose Zeugen einer grauenvollen Schlacht, bei der Gnade nicht gewährt und um Schonung nicht gebettelt wurde. Und der Tod hatte jeden Standesunterschied aufgehoben. Die Raben aber senkten sich beim aufflammenden Abendrot herab und fragten nicht danach, ob das Fleisch, in das ihre Schnäbel hackten, einst in einem Palast oder in einer einfachen Waldkate gehaust hatte.

Der Tag der Entscheidung war dahin gangen. Der schmetternden Kriegsfanfaren des Morgens folgte das unhörbare Requiem des Todes, das keine Melodie kennt. Und nur der leise über das Schlachtfeld streichende Wind sang den Toten das Lied der Ewigkeit.

Von den Hängen der Berge im Norden jedoch klang noch Kampfgeschrei und Waffenklirren herab. Ein König floh, vom Grauen des Todes geschüttelt, zum rettenden Paß. Die Schlacht war verloren. Es galt, das Leben zu wahren. Und hinter ihm, gleich einer Meute von der Leine gelassener Hetzhunde, jagten die Scharen der Feinde heran. Wer den geschlagenen König vor dem Triumphator des Tages neben seinem Banner in den Staub warf, dem würde das Gewicht des Überwundenen in Gold zuteil.

Vier oder fünf Pfeilschüsse trennten König Angram noch von seinen gnadenlosen Verfolgern. Hinter sich vernahm er ihre heiseren Rufe, den Hufschlag ihrer Rosse und das Klirren ihrer Waffen. Die einzige Rettung für die Überwundenen war ein schmaler Pfad durch die Felsen, so steil, daß ihn kaum das Pferd erklettern konnte, auf dem sich Angram trotz seiner schweren Wunden mühsam aufrecht hielt. Der Kronhelm war während der Schlacht verloren gegangen und der dunkelblaue Mantel war im Wirbel der Schlacht zerfetzt worden. Durch die Schuppen der goldenen Rüstung sickerte aus Blut aus vielen Wunden. Wie ein Schleier wurde das Haupt von grauweißem Haar umweht, das in einem bis zur Brust herabwallenden Bart über ging. In das ernste Gesicht des Herrschers hatten Schmerz und Enttäuschung ihre Schicksalsrunen eingegraben.

Ein hochgewachsener, schlanker Knappe mit halblangem, kastanienfarbenem Haar und einem stählernem Kettenhemd unter dem schwarzen Wams führte mit raschem, ausdauernden Schritt den müden Schimmel des Herrschers den steilen Pfad hinauf zur Felsenschlucht. Den zerschrammten Schild hatte er auf den Rücken geworfen und die Linke lag auf den kunstlosen Knauf eines einfachen Schwertes, das in einer schmucklosen Scheide aus braunem Leder steckte. Der Atem des Jungen ging keuchend, als er mit aller Kraft das vor Anstrengung zitternde Roß mit dem König am Zügel den steilen Felsenpfad hinauf zog. Wenn sie die schmale Schlucht zwischen den Felsen in zwei Speerwürfen Entfernung erreicht hatten, war die Rettung nah. In dieser engem Klamm konnte ein einzelner Mann für eine gewisse Zeit eine ganze Armee aufhalten. Auf der Hochebene über den Felsen befand sich jedoch ein gewaltiger See, dessen jenseitiges Ufer mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen war. Hier hatte Joreolam, der erste Stratege König Angrams, ein kleines Schiff an das Ufer beordert, das bereit lag, bei einer verlorenen Schlacht den König vor den Verfolgern in Sicherheit zu bringen. Jetzt sollte sich die am Vorabend der Schlacht noch belachte Vorsichtsmaßnahme des Strategen als die einzige Rettung für den geschlagenen Herrscher vor unendlicher Demütigung und einem schmachvollen Tod erweisen. Aber der weitsichtige Veteran unzähliger Feldzüge würde niemals den Dank seines Herrschers hören. Am Fuß des Berges lag er als Leiche unter Leichen zwischen den gefallenen Männern der Leibgarde, die ihren Schwur auf das Schwert des Königs mit dem Leben bezahlt hatten.

Cardis wußte von diesem Schiff, weil er den König mit seinen Strategen am Abend vor der Schlacht als Page bedienen mußte. Nachdem alles verloren war, erkannte der kluge Knappe hier die letzte Möglichkeit zur Rettung seines Monarchen. Es mußte nur gelingen, den vor Wundschmerz stöhnenden Herrscher zum Seeufer zu bringen. Aber der steile Felsenpfad, die Schwäche Pferdes und die Wunden des Königs ließen es nicht zu, die Flucht zu beschleunigen. Und als Cardis über den Rand seines Schildes zurück spähte, sah er tief im Tal Männer sterben, die vor ihrem geschlagenen König einen Wall aus ihren Leibern errichteten. War dieser überwunden, stand nichts mehr zwischen der jagenden Meute und dem menschlichen Edelwild, das sie verfolgte.

„Der König! Das Leben für den König!" vernahm der vor Schmerz ächzende Herrscher die Rufe seiner getreuen Leibgarde, die getreu ihrem Schwur seine Flucht mit ihrem Leben deckten. Rufe, die unter dem Klirren von Stahl in Todesschreie und Sterbegewimmer übergingen. Als Angram sein vom Blut einer Kopfwunde überronnenes Antlitz zurück wand, sah er, wie die Getreuen König Angrams unter den Waffen des Feindes ihre Treue mit Blut besiegelten.

„Es ist vorbei." hörte Cardis den König keuchen. „Nichts hält den Feind jetzt noch auf, mich zu ergreifen. Und seine Rache für die Toten dieses Tages wird schrecklich sein."

„Nichts ist verloren, Majestät. Nichts, so lange der König lebt." entgegnete die helle Stimme des Knappen, der mit aller Kraft das müde dahin stolpernde Pferd am Zaumzeug den steilen Felsenpfad hinauf zerrte. „Unmittelbar hinter dieser Schlucht liegt der See. Erreichen wir den, bringt Euch das Schiff in Sicherheit. Gelangt Ihr bis zum Seeufer, seid Ihr gerettet."

„Sie werden uns vorher erreichen, treuer Cardis." seufzte der König. „Ich Narr hätte meine Garde nicht dort unten zum Kampf stellen sollen, wo sie der Feind mit Übermacht von allen Seiten angreifen kann. Hier oben," seine Hand wies zu der engen, von himmelansteigenden Felsen begrenzte Schlucht, die sich jetzt unmittelbar vor ihnen öffnete, „kann ein einzelner Mann mit Schwert und Schild den Paß verteidigen. Es wären sogar noch einige meiner Getreuen mit auf dem See entkommen. Nun ist es zu spät. Bevor wir den rettenden See erreichen, sind sie über uns..."

„Ein Mann mit Schwert und Schild..." murmelte der Junge, der in wenigen Monden seine Mannbarkeitsproben ablegen sollte. „Ich habe ein Schwert..."

„Dann benutze es und gib mir den Tod, Knappe." stieß König Angram rauh hervor. „Bringst du dem Feind meinen Kopf, rettest du dein junges Leben. Erreichen sie mich, ist mir ein schmachvolles Ende gewiß. Du rettest mich vor einem grausamen, qualvollen Tod, wenn du jetzt die Spitze deines Schwertes in mein müdes, altes Herz senkst."

Cardis sagte kein Wort. Aber das Feuer, das in seinen Augen zu lodern begann, zeigte dem ermatteten König, daß der Knappe ihm selbst auf seinen ausdrücklichen Befehl niemals die Gnade eines raschen Todes gewähren würde.

„Sei kein Narr, Cardis!" stieß Angram mit rauher, krächzender Stimme hervor. „Töte mich mit deinem Schwert und erkaufe dir damit dein jugendfrisches Leben."

„Ich werde die Waffen besser verwenden als dem König, dem meine Treue gehört, den Tod zu geben." erklärte der Jüngling mit fester Stimme. „Nicht nur die tapferen Krieger der Garde verstehen zu kämpfen und..." Cardis brach ab. Die Worte: ...und zu sterben." wollten ihm nicht über die Lippen. An den Tod zu denken - das ließ seine lebenssprühende Jugend nicht zu.

„Töte mich, Gefolgsmann." verlangte der Herrscher. „Erfülle meinen Wunsch und letzten Willen. So viele sind an diesem für mich gestorben. Zeit ist es, ihnen nachzufolgen..."

„Ihr müßt leben, mein Herrscher." Cardis versuchte, seine helle Stimme hoffnungsvoll klingen zu lassen. „Wir haben eine Schlacht verloren. Aber nicht den Krieg. Indem ich Euer Leben rette, rette ich das Reich vor dem Untergang."

„Aber ich will nicht, daß auch dein junges Blut noch fließt, wackerer Knappe. Durch einen raschen Schwerttod ersparst du mir die Demütigungen und Qualen, die mir der Feind bereiten wird." stieß Angram ärgerlich hervor. „Hast du den nicht gehört, daß König Mallamer geschworen hat, mich in einem eisernen Käfig durch sein Land fahren und überall zum Gespött werden zu lassen, bevor er mich an den Mauern von Cheyawil an eisernen Ketten aufhängen läßt. Weißt du, wie grauenvoll es ist, langsam in den Ketten zu verschmachten?"

„Ich gäbe euch den Tod, mein Herrscher, wenn alle Hoffnung geendet hätte." erklärte Cardis mit fester Stimme. „Aber nur fünf Speerwürfe entfernt ist für euch die Rettung. Reitet alleine durch die Felsenklamm. Ihr seid noch kräftig genug, das Pferd selbst zu lenken. Und ich bin stark genug, eure Flucht zu decken....wenn Ihr mir die Ehre gebt, Euer Schwertführer zu sein." setze er hinzu.

„Du bist zu jung und zu unerfahren." wehrte der König ab.

„Um Ruhm zu gewinnen, ist man niemals zu jung." gab Cardis zurück und sah mit blitzenden Augen zu seinem König empor. „Und die Erfahrung, nun, ich werde sie in diesem Kampf gewinnen."

„Und zum Sterben?" fragte der Herrscher leise. „Wann ist man dazu alt genug?"

„Kervlear, Euer Schwertführer, hat mich selbst den Tanz der Klingen gelehrt." stieß der Jüngling hervor. „Wer redet von Tod und Sterben, wo es gilt, ein neues Heldenlied zu schaffen. Ich werde das letzte Bollwerk zwischen meinem Herrscher und seinen Feinden sein. Und ich werde kämpfen und Eure Flucht decken, so gut ich es vermag. Mögen die Götter ihre Schicksalslose werfen..."

„Narr." flüsterte der König. „Lieber, kleiner, tapferer Narr." Aber er sagte es so leise, daß ihn Cardis nicht hören konnte. Vor mehr als zehn Sommern war der Junge in abgerissener Bauerntracht an den Hof gekommen und hatte den allgemeinen Gerichtstag ausgenutzt, um vor den König selbst zu treten.

„Ich will ein Ritter werden." hatte er keck seinen Wunsch geäußert. „Und dann werde ich mir das Schwert Goldfeuer im Kampf erobern." Niemand der Großen des Reiches, die um den Thron des Herrschers versammelt waren, hatte diese Worte richtig begriffen. Und das Gesicht des Junge rötete sich vor Zorn, als der gesamte Hofstaat über ihn lachte.

Nur König Angram lachte nicht mit. Er fand Gefallen an der kühnen Freimut des damals neunjährigen Jungen und nahm ihn in seinen Dienst, obwohl er nicht von Stand und Adel war, wie es die allgemeine Sitte vorschrieben. Und nach seiner Pagenzeit wurde Cardis einer der Knappen des Königs.

Und jetzt war er der letzte seiner Knappen. Denn Vlear, und Gercos, seine Kameraden waren getötet worden, als sie sich mit ihren jungen Körpern in die Speere warfen, die auf den Herrscher zielten.

„Du wirst den Paß nicht halten können." sagte König Angram nach einer kurzen Weile.

„Ich halte ihn so lange, bis mein König in Sicherheit ist." Die Stimme des Jünglings klang jetzt fest wie die eines Mannes.

„Du wirst vielleicht sterben." warnte der Herrscher.

„Aber nicht ohne Ruhm und Ehre." gab Cardis zurück. „Und Ihr werdet mich ebenso tapfer kämpfen sehen wie die toten Mannen Eurer Leibgarde, die Euren Rückzug deckten."

„Es waren Männer. Tapfere Ritter, deren Handwerk der Krieg war." flüsterte Angram und neigte sein Haupt.

„Nach diesem Kampf werde ich ein Mann sein." erklärte der Jüngling mit blitzenden Augen. Und der König erkannte den festen Entschluß des Knappen, seinen Worten Taten folgen zu lassen. So viele gute Männer waren an diesem Tag für ihren König gefallen. Und nun bot sich der letzte Überlebende des verlorenen Tages als Schutzschild an, damit sein Herrscher lebe. Konnte er, Angram, das Opfer dieses jugendfrischen Lebens annehmen?

„Nicht ich. Nicht Angram, der Mensch ist es, für den dieses Opfer gebracht werden muß." kam er zum Beschluß seiner Überlegungen. „Aber das Reich bedarf des Königs. Der Jüngling hatte Recht mit seinen Worten. Die Schlacht ist verloren, aber nicht der Krieg. Mag König Mallamer heute triumphieren. Der Tag der Rache wird kommen. Und dann wird Leben mit Leben vergolten. Auch das deinige, tapferer Cardis, wenn dir die Götter an diesem Tag das schwarze Los beschieden haben. Falle ich in die Hände der Feinde, dann wir Mallamer als Eroberer in die Festung Gereonar einziehen und das Reich mit eiserner Hand tyrannisieren. Nein, ich muß leben, damit das Reich von Eshconardis lebe. Und darum, mutiger Jüngling, muß ich das Angebot deines Lebens annehmen. Sehen deine Augen die Sonne des morgigen Tages, wirst du mein Schwertführer und stehst zur Rechten meines Thrones. Senkt sich aber in den Händen der Götter die Waagschale deines Lebens, dann wird dein Name auf ewig in den Heldenliedern der hohen Halle von Gereonar erklingen."

„Du hast dich also entschlossen, zu kämpfen." sagte Angram rauh und griff in die Zügel. Zitternd verhielt der Schimmel unter ihm seinen Schritt.

„Ich kämpfe, wenn mein König es erlaubt." rief Cardis mit blitzenden Augen. „Den Frauen meine Liebe, dem König mein Leben, die Ehre für mich." sprach er mit fester Stimme den Kodex der Ritterschaft.

„So sei es denn." Angrams Hand legte sich um den kostbar verzierten Griff seines mächtigen Schwertes. Mit metallischem Schürfen wurde die Klinge aus der Scheide gezogen. Dann senkte er sie vom Roß herab sanft auf die linke Schulter des Knappen.

„Nimm diesen Schlag und keinen weiteren." sprach er die uralte Formel des Rittertums. „Lebe hinfort so, daß dich niemand mehr schlagen muß. Doch wenn man dich schlägt, dann wehre dich."

„Majestät!" Die Augen des Jungen strahlten. Denn nun war er mit Fug und Recht ein Ritter des Königs. Sirrend flog sein einfaches, kunstlos geschmiedetes Schwert aus der schmucklosen Lederscheide. Mit empor gestreckter Klinge grüßte Cardis seinen Herrscher.

„Wenn du an meinen Hof zurückkehrst, werde ich dir das Schwert Goldfeuer schmieden lassen." versprach König Angram, während er die Zügel aufnahm.

Goldfeuer ist bereits geschmiedet. Ich habe dieses Schwert einmal in der Hand gehalten. Auch, wenn Goldfeuer vielleicht nicht sein Name war. Doch als ich die Hand um den Griff dieser Waffe legte, das spürte ich, daß uns das Schicksal zusammengefügt hatte. Deshalb, mein König, kam ich an Euren Hof, um ein Ritter zu werden. Und als Ritter werde ich ausziehen, um das Schwert Goldfeuer zu suchen und zu besitzen." erklärte Cardis. „Doch nun reitet, Majestät. Mögen die Götter Euch glückliche Heimkehr gewähren, mein Herrscher."

„Mögen die Götter dir Sieg verleihen, Ritter Cardis." hörte der Jüngling die Stimme seines Herrschers in der Schlucht verwehen.

Dann waren die Scharen der Feinde heran...

***

Ich will mich weigern, noch einmal die Scheide zu verlassen. Zu viel Blut habe ich an diesem Tag getrunken. Zu viel Leben wurde heute durch mich ausgelöscht. Zu viel Klage habe ich heute hervor gerufen.

Doch wer kann gegen den Willen der Faust, die ein Schwert zieht, an. Ich muß aufs Neue die schützende Hülle verlassen und die rotgoldene Abendsonne spiegelt sich auf meiner silberglänzenden Klinge wieder.

Und so werde ich gezwungen, Männern den Weg zu einem einzelnen Kämpfer zu weisen, der sich einer Armee gnadenloser Krieger in den Weg stellt...

***

Speerspitzen zersplittern am Granit, als sich Cardis mit dem Rücken an die seitliche Felswand wirft und zischen harmlos in die Schlucht. Doch sofort steht der mutige Kämpfer wieder, den Schild empor gerückt und das Schwert stoßbereit in der Faust. Schon fünf Krieger haben erfahren müssen, daß der Kuß dieser Klinge tödlich ist. Ihre entseelten Körper sind den Steilhang herab gerollt und machen Platz für weitere Wagemutige, die den Helden zwischen den Felsen bestehen wollen.

Werden Speere geworfen, zieht sich der Jüngling mit dem kastanienfarbenen, schweißverklebten Haar mit der Schnelligkeit einer jagenden Wildkatze in den Schutz der Felsen zurück. Auf ihn abgedrückte Pfeile fängt er mit dem Schild und schlägt die Schäfte mit dem Schwert ab. Er kann nicht heraus aus diesem Mauseloch in den Felsen. Aber er läßt auch niemanden hinein.

„Komme an, wer seine Ahnen zu sehen wünscht." hören die Diener des Kriegsgottes von der Schlucht herab die helle Stimme des Jünglings. Doch sie zögern. Zu schnell hat das Schwert in seiner Faust das blutige Werk getan. Sie aber sind müde vom Kampf des Tages und haben nicht mit Widerstand gerechnet. Der Kämpfer dort oben aber wehrt sich mit der Wildheit und Verwegenheit eines verwundeten Tigers.

„Der Tanz des Kriegsgottes harrt eines neuen Vortänzers!" schreit Cardis herausfordernd. „Und in der Götterburg jenseits des Horizonts warten fünf Helden auf neue Bankgenossen. Wohlan, wer von euch will hier noch Held werden?" Die Siege über fünf Männer haben seinen Mut und seine Entschlossenheit noch gesteigert. Heute ist der Tag, an dem Ritter Cardis seinen ersten Ruhm erwirbt.

Die Männer, erprobt in hunderten von Schlachten, zögern und sehen sich betreten an. Der Kämpfer dort oben hat jeden Vorteil für sich. Und er kämpft, wie der lebendige Kriegsgott selbst. Man hat diesen Tag nicht überlebt, um das Abendrot mit brechenden Augen zu erblicken. Jeder der Krieger hofft, daß ein anderer es wagt, mit dem mutigen Jüngling die Klingen zu kreuzen.

Aber das Schicksal kennt kein Erbarmen, wenn die grausamen Götter nach weiteren Blutopfern dürsten.

„Wählt, Männer." grollt hinter ihnen eine rauhe Stimme auf. „Sein Schwert in eure Brust oder das meinige in euren Rücken. Voran also, oder ihr tragt die Todeswunde zwischen den Schultern."

Das Klirren von Hufen auf dem Felsgestein klingt wie der pochende Knochenfinger am Tor zur Unterwelt und das Rasseln der Rüstung erscheint wie das Klirren der Ketten, mit denen das Unsterbliche der Toten ins Reich des gestaltlosen Seelenfressers gezerrt wird. Und den Kriegern ist es, als streife sie mit den hinter ihnen erklingenden Worten der Eishauch des gnadenlosen Leichengottes. Eine Stimme, die sie alle nur gut kennen. Und deshalb wendet keiner der Krieger den Kopf, um die hohe Gestalt in der schwarzen Rüstung zu sehen, der sein nachtfarbenes Roß steigen läßt.

Jeder Krieger des siegreichen Heeres kennt Sedac, den Grausamen. Sedac, den Schwertführer König Mallamers. Die Geißel der Schlachtfelder. Und es gibt niemanden unter ihnen, der diesen gnadenlosen Mann nicht mehr fürchtet als die fünffache Übermacht des Feindes.

Ja, selbst die härtesten Überlebenden jener Todesmühle, in der die grausamen Götter aus dem Sterbegewimmer der Verwundeten die Nahrung ihrer Unsterblichkeit beziehen, fürchten Sedac, den Grausamen. Und sie zittern vor dem langen Schwert aus silberblankem Stahl in seiner gepanzerten Rechten, dessen goldener, mit roten Glanzsteinen verzierter Griff in der blutfarbenen Abendsonne zu glühen beginnt...

***

Sadoc, den sie den Grausamen nennen. Das erste Schwert am Hof König Mallamers. Der Herr seiner Heerscharen und die Geißel der Friedfertigen.

Sedac, der von tausend Seelen Verfluchte. Der Seelen, die als letzten Blick in ihrem Leben seine eisigen, gnadenlosen Augen sahen, während sie der brüllende Schmerz der Todeswunde durchraste. Geboren in der Kate eines Bauern ist er seit seiner Kindheit hinweg getrieben und entwurzelt durch Kriege, die ihn groß machten, in dem er sie überlebte. Ein Söldner, Abenteurer und Glücksritter des Waffengewerks, der erkannt hat, daß ein Bauernleben trotz härtester Arbeit kaum einige Bronzestücke einbringt und deshalb für gleißendes Gold mit blutiger Arbeit das Feld der Ehre beackert.

Sedac., der Grausame, führt meine Klinge. Ihm muß ich dienen. Er ist der Gebieter, dessen Faust mich umspannt, mich führt und ins Leben seiner Feinde leitet. Aber ich weiß, daß er nicht der Krieger ist, für den mich das Schicksal ausersehen hat.

Wie oft habe ich versucht, seiner Hand zu entkommen. Wie oft habe ich mich gewehrt, wenn er meine scharfe Schneide und tödliche Spitze für seine grausame Schlächterarbeit mißbrauchte. Er dirigiert mich durch die Waffen der Gegner hindurch in die Herzen. Und deshalb fürchten mich die Menschen in Sedacs Hand wie den Fluch eines wahnsinnigen Gottes.

Dienen muß ich dem ‘Grausamen’ für sein blutiges Handwerk. Dienen wie ein Sklave. Oder wie eine Hure, die der Mann, der sie umfaßt hält, zu Willen sein muß. Wie ich vor ihm schon vielen Männern dienen mußte, deren Hände meinen Griff umspannten und an deren Gürtel ich in schützender Scheide schwang. Helden, die für Ruhm und Ehre stritten, Söldner, von denen die Schärfe meiner Schneide für gleißendes Gold verkauft wurde und Schurken, die mich zum Werkzeug ihrer Verbrechen machten.

Doch seit dem Tag meiner Geburt weiß ich, daß es nur einen Helden geben kann, für den ich geschaffen wurde. Es kann nur einen geben, dem ich in Freuden dienen werde. Einen, der mich niemals zu ehrlosem Kampf, Mord oder Plünderung zücken wird.

Die alten Legenden singen, daß jedes Schwert für einen bestimmten Krieger zum Leben erwacht und seinen Weg zu ihm finden muß. Auch wenn dieser Weg Jahre, Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte dauern mag. Ich werde die Hand meines Meisters spüren, wenn sie mich berührt. Und er, nur er wird es sein, dem ich in Freuden dienen werde. Denn niemals wird er mich zu ehrlosem Streit ziehen. Und ich werde in seiner Hand mein Bestes tun, daß er mich nie ohne Ruhm in die Scheide zurück senken muß. Seit dem Tag meiner Geburt bin ich auf der Suche nach dem Meister, in dessen Hände mich das Schicksal legt.

Denn das Schwert ist die Seele des Kriegers...und ich, die Seele, bin auf der Suche nach dem Körper, für den mich das Schicksal bestimmt hat...

***

Fünfzehn Mann haben es gewagt, in die Felsenklamm einzudringen. Fünfzehn Todesschreie hat Sedac, der Grausame, gehört. Und fünfzehn Mal rollte ein mit der Todeswunde auf der Brust gezeichneter Körper zu Tal. Aber immer noch steht der Sedac unbekannte Krieger, nur mit dem Schwert bewaffnet und einem zerschrammten Schild geschützt am Eingang der Schlucht und deckt die Flucht seines Königs.

Befehle nützen nichts mehr. Der Atem des Todes scheint aus den Felsen zu wehen. Niemand wagt es mehr, den einzelnen Kämpfer anzugehen, der jetzt schweratmend den Schild absetzt und sich mit dem Handrücken das wirre Haar aus dem Gesicht streicht.

„Nein!" knarrt Sedacs Stimme, als er die gespannten Bogensehnen sieht. Er hat den Kampf des Einsamen dort oben erst interessiert betrachtet und nach einer Weile bewundert. So hart und gnadenlos Sedac in der Schlacht ist, in seiner dunklen Seele glüht ein seltsamer Ehrenkodex, der es nicht zuläßt, daß so ein mutiger Mann durch einen Hagel tückisch abgeschossener Pfeile sein Leben lassen muß.

König Angrams letzter Verteidiger ist ein wahrer Held. Und er soll auch die Ehre haben, durch einen Helden zu sterben. Der größte Schwertmeister, den König Mallamer je mit der Aufnahme in seine Gefolgschaft geehrt hat, wird dem einsamen Kämpfer in der Felsenschlucht den Lebensfaden mit der blanken Klinge zerschneiden. Ein ruhmbedeckter Kriegsherr, der in hunderten von Schlachten nie einen Fuß breit gewichen und nie ohne Siegeslorbeer heimgekehrt ist. Auch, wenn der Lorbeer von Blut triefte. Denn Sedac trägt die Bezeichnung ‘der Grausame’ zu Recht. In den Reden der Feinde wird sein Name mit dem des seelenfressenden Dämons in einem Atemzug genannt. Hart und gnadenlos ist er, gegen andere wie gegen sich selbst.

Und hart wird Sedac auch sein, wenn er jetzt hingehen wird, um das letzte Hindernis zwischen ihm und dem fliehenden König mit seinem Schwert beiseite zu räumen. Es gilt, die toten Krieger zu rächen und den Lebenden ein Beispiel zu geben. Sie sollen wissen, daß es nichts, aber auch gar nichts gibt, das einen Mann wie Sedac auf seinem Weg aufhält.

Eisenklirrend springt der ‘Grausame’ vom Pferd und wirft die Zügel achtlos einem herbeieilenden Speerkämpfer zu. Seine dürren Finger aber umklammern den Griff eines Schwertes, auf das selbst das Auge seines Königs mit Neid blickt. Ein Meisterwerk der Schmiedekunst aus Stahl und Gold. Sedac entwand die Klinge einst den Händen eines sterbenden Heerführers, den er über die Leichen seiner Garde erreichte und nach hartem Kampf niederstreckte. Seit dieser Zeit führt er diese unvergleichliche Waffe, deren Klang beim Aufschlag auf Eisen einem wunderbaren, hellen Glockenspiel gleicht, wie es die Götter selbst zu ihrer Freude läuten. Doch für die Verwegenen, die sich Sedac in den Weg stellten, war es stets die Totenglocke.

Und nun geht er hin, König Angrams letztem Getreuen mit diesem Schwert den Weg in die Halle zu weisen, wo eine gnadenlose Gottheit tapfere Kämpfer zu Mahl und Trunk erwartet...

***

Eisen wächst im Mark der Gebirge. Und Feuer glüht in der Esse des Schmiedes. Eisen und Feuer aber sind das männliche und das weibliche Teil für die Zeugung und die Geburt eines Schwertes.

Das Eisen ist der Samen des Mannes. Das Feuer aber ist der Leib der Frau, in der das Leben Gestalt annimmt. Der Bergmann, der das Eisen dem Felsen entreißt hat genau so viel Anteil am Werden wie der Schmelzer, der im Ofen das Gestein ausglüht, damit das Metall sich vom Stein trennt. Doch unter ihren Händen ist die Substanz noch so ungefügig wie die Welt, bevor sie von der Gottheit geordnet und gestaltet wurde. Es ist der Zeugungsvorgang - nicht die Geburt. Die findet erst im Schmiedefeuer, das vom fauchenden Blasebalg hochauf lodert, statt.

Eisen und Feuer sind die Erzeuger. Doch der Schmied ist dem Schwert Vater und Mutter zugleich. Er versteht es, das Eisen zu Stahl zu härten und ihm Gestalt und Form zu geben.

Ruliar, der Rußige, war es, der mich aus Gold und Stahl formte und mich mit edlen Steinen reichlich verzierte. Ruliar, der Schmied, von dem man sich erzählt, daß er seine Kunst bei den Zwergenmeistern unter dem Berg selbst gelernt habe. Der begnadete Gestalter von Eisen und Stahl, um dessen gehämmerte Schwerter und Brünnen Ritter wie Könige buhlen. Doch den Lohn für Ruliars Mühe erhält stets Godianus von Gamalac, sein Fronherr. Denn Ruliar ist ein Leibeigener, dem nicht einmal sein Leben gehört. Alles, was er schafft, ist dem Godianus zu eigen.

In alten Mären wird erzählt, daß jedes Schwert, das die Zahl Hundert voll macht, von seinem Schöpfer mit besonderer Sorgfalt geschaffen wird. Daß es aber nur eine Klinge gibt, die er als Krone seiner Kunst und als das Werk seines Lebens betrachtet.

Ich bin das Schwert, in dem Ruliar, der Rußige, seine Seele sprechen ließ. Gebadet im hellodernden Feuer, weißglänzend in unzähligen Faltungen gehämmert und gehärtet im Wasser einer heiligen Quelle erschuf mich der ’Rußíge’ zum Leben. Nächtelang hämmerte er an den mit kunstvollen Verzierungen versehenen Goldarbeiten des Griffstücks. Glänzende Karfunkelsteine sprühen ihr blutigrotes Feuer aus dem hellen Glanz des edlen Metalls. Die Enden der Parierstange zeigen die Köpfe von zwei grimmigen Löwen mit aufgerissenem Rachen. In den Knauf aber fügte der ahnende Geist des Rußigen das Abbild des Kriegers ein, für den ich dereinst bestimmt sein werde. Und dies war die letzte Arbeit, die Ruliar in seinem Leben verrichtete. Denn unsichtbar stand neben ihm bereits der Führer der Seelen und wartete geduldig, bis das große Werk vollendet war.

„Goldfeuer!" flüsterte Ruliar, als er mich empor schwang und im Licht der rotgolden niedergehenden Sonne badete. „Goldfeuer sollst du heißen. Und ich bestimme dich einem Krieger mit reinem Herzen, in dessen Seele die Treue wohnt. Finde ihn, Goldfeuer. Finde und diene ihm!"

Und das war der Beginn meines Weges. Werde ich jemals das Ziel erreichen?

***

„"Von Sedac habe ich singen gehört!" klingt dem Grausamen die Stimme des Kriegers zwischen den Felsen entgegen, nachdem er sich in einer Anwandlung von Ritterlichkeit dem Feind erklärt hat. „Aber nur Achtung, nicht Furcht senkt sich in mein Herz. Laß sehen, ob die Lieder deiner Tapferkeit wahr sind. Oder ob sie dereinst von einem neuen Epos überstrahlt werden, das unseren Streit und meinen Sieg besingt."

„Du kannst nicht gewinnen. Du wirst sterben, wenn du mit mir die Klinge kreuzt." knarrt es warnend aus Sedacs von einem struppigen, dunklen Bart umflossenen Mund. „Du bist noch ein Knabe und zu jung für den Weg in die ewige Dunkelheit!"

„Der Krieg läßt die Knaben frühzeitig zu Männern reifen. Und nur die Unsichtbaren wissen, wem das schwarze Los in der Waagschale bestimmt ist." kommt selbstsicher die Antwort und die Felsen singen das hallende Echo der Worte.

„Ich will das Leben deines Königs, nicht das deine." Sedac kann selbst nicht begreifen, warum er hier so lange redet und nicht einfach hingeht und das Hindernis aus dem Weg räumt. „Ich habe dich tapfer kämpfen sehen, wagemutiger Jüngling. Ich achte dich und sichere dir dein hoffnungsfrohes Leben zu, wenn du dein Schwert niederlegst und dich mir gefangen gibst."

„Und ich lasse dich weiterleben, wenn du meinen König unbehelligt ziehen läßt." ist die spöttische Antwort aus der Felsenklamm. „Du kannst nicht vorbei, Sedac. Es sei denn, der Dreck deiner Stiefel besudelt meine Leiche. Komm an, kriegskühner Feldherr. Zwanzig deiner Waffenbrüder sind dir zum Geleit vorausgegangen. Laß sie nicht auf ihren Gebieter warten."

„Genug der Worte! Wer den Tod sucht, der findet ihn durch mich." grollt es aus Sedacs Brust. „Zeigen wir also den Göttern Taten!" Fort mit den seltsamen Anwandlungen, hier und jetzt einem Feind Schonung gewähren zu wollen. Erinnerungen an seine eigene Knabenzeit, in denen er noch an ritterliche Ehre glaubte, haben ihm so etwas wie Mitleid mit diesem blutjungen Leben in die Seele geflüstert. Doch das ist jetzt vorbei. Wenn der Jüngling den Tod sucht, wird ihm das Schwert Sedacs den Weg zum gnadenlosen Führer der Seelen weisen.

Den Schild zurechtgerückt stürmt der gewaltige Krieger mit gezücktem Schwert auf den ihm mutig entgegen tretenden Gegner ein. Wie ein vom Himmel herabfallender Blitz flirrt die mächtige Klinge durch die Luft.

Dann trifft Stahl auf Stahl und die Schwerter singen das Lied vom Sterben...

***

Ruliar, der Meister aller Meister des Gewerks von Esse und Amboß starb, weil Godianus ihm mich, das Meisterwerk seines Lebens, entriß und ihn damit erschlug. Niemals wieder sollte der kleine, humpelnde Mann mit dem eisgrauen, versengten Haar ein solch unvergleichliches Schwert schaffen können. So trank ich das Blut meines Vaters und seine brechenden Augen spiegelten sich im Stahl meiner Klinge.

„Goldfeuer." verwehte mit dem letzten Hauch das Leben von Ruliar, dem Rußigen. Doch Godianus verstand nicht ihren Sinn dieses Wortes. Und er gab mir einen neuen Namen.

„Todeswind" nannte mich der Herr von Ganalac. Doch diesen Namen behielt ich nicht lange. Er starb mit meinem Herr Godianus, der vom meuchlerischen Stahl in den Rücken getroffen sein Leben aushauchte. Aber der Attentäter nahm mich als Beutestück mit, und fortan mißbrauchte er mich für seine heimtückischen Anschläge. Mit Widerwillen diente ich um für sein ehrloses, heimtückisches Gewerk. Und ich mußte ihm so lange zu Willen sein, bis sich die Eisen um seine Handgelenke schlossen und er hinausgeführt wurde, um im Angesicht des ganzen Volkes für seine Freveltaten zu büßen. Von der Hand des Henkers geführt zerschnitt meine Klinge seinen Hals wie einen Nebelstreifen. Und der Rat der Stadt bestimmte, daß ich dem Unheimlichen mit der schwarzen Haube weiterhin zu seinem blutigen Handwerk denen sollte. So wurde es eine Zeit mein Schicksal, das Schwert der Gerechtigkeit zu sein, bis zufällig ein Ritter sah, wie die Henkershand meinen Griff umspannte, um mich erneut durch den Tod eines wehrlosen Menschen zu entehren. Und dieser Ritter zahlte sein halbes Vermögen, um mich von dieser Schlächterei loszukaufen. Gern habe ich ihm gedient. Doch so sehr ich ihn schätzte, ich wußte, daß er nicht mein Herr war, zu dem mein Weg führen mußte.

Hin zum Krieger des Schicksals, der auf mich wartete. Dem zu dienen ich nach dem Ratschluß der Unsichtbaren bestimmt war. Und als ich ihn fand, war ich gezwungen, ihn sofort wieder zu verlassen. Denn damals war er noch nicht bereit....

***

Kreischend wie zwei Raubvögel treffen sich die beiden Klingen in der Luft und gleiten aneinander ab. Und Cardis kann gerade noch den Schild hochreißen, als Sedac den Schwung der abgeglittenen Klinge ausnutzt und einen Schlag von seitwärts führt. Schmatzend verbeißt sich der Stahl im Holz und Leder des Schildes.

Mit wütendem Gebrüll versucht Sedac, die Klinge freizuzerren. Doch der Stahl sitzt im weichen Lindenholz fest. Es bleibt König Mallamers Schwertführer nichts anderes übrig, als die kostbare Waffe fahren zu lassen. Denn der Jüngling hat seine Klinge erhoben und sein Stahl wird durch den Panzerhandschuh genau so wie zwischen Fleisch und Knochen fahren. Und dann ist nicht nur das Schwert, sondern auch die Hand verloren. Er wird sich von seinen Kriegern eine neue Waffe holen und den Kampf erneut aufnehmen.

Mit einem Fluch, der die Götter beleidigt, springt Sedac rückwärts - und stürzt aufschreiend zu Boden, als seine Füße unter rollendem Gestein keinen festen Halt finden. Das ist das Ende. Denn bevor er sich erheben kann, wird der Jüngling über ihm sein. Für zwei oder drei Schläge mag Sedacs Schild Schutz gewähren. Dann aber wird ihm die Klinge ins Leben fahren.

Sedac, der Grausame, weiß, daß es Zeit ist, zu sterben. Und er wird den Tod mutig und trotzig in Empfang nehmen.

Doch der Tod kommt nicht.

Sedacs Augen starren unter dem nach vorn gerutschten Helm hindurch auf den Krieger, der sein eigenes Schwert achtlos zu Boden klirren läßt und mit einem kräftigen Ruck die unvergleichliche Klinge aus dem Schild zieht.

„Goldfeuer!" hört es der ‘Grausame’ von den Lippen des jungen Kämpfers beben...

***

„Ich bitte um Gastfreundschaft für mich und mein Pferd." vernahm der neunjährige Knabe die Worte des Ritters der sich aus dem Sattel zu ihm herab beugte. Mit müdem Schritt stakste der Rappen mit dem Gerüsteten langsam auf den elterlichen Hof. Pferd und Reiter sahen ermattet aus und der Staub des Weges lag über dem glänzenden Metall der Rüstung und den kostbaren Stoffen seiner Gewandung.

„Nehmt vorlieb mit dem, edler Herr, was uns Bauersleuten in diesen harten Zeiten geblieben ist." sprach der Knabe die Worte der Gastlichkeit, wie es der Vater in dieser Situation auch tun würde. Denn Gäste sind heilig, weil niemand wissen kann, ob nicht einer der Götter aus der Himmelshalle herabsteigt um zu erkunden, ob die Menschen noch die alten Gesetze ehren. Die Eltern waren mit den Knechten zur Ernte auf den Feldern und so bewirtete der Knabe den Ritter im Haus mit dunklem Brot, rosigem Bratenfleisch aus dem Rauchfang, würzigem Käse und einem Trunk kristallklaren Wassers, während das Pferd goldgelben Hafer aus einem Futtersack fraß. Während des Mahls erzählte der Ritter von seinen Kämpfen und Heldentaten und der Junge lauschte mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen den Worten. Vor seinen Augen öffnete sich eine Welt der Abenteuer und der Wunder, in denen kühne Recken gegen Drachen streiten, Prinzessinnen aus den Händen abscheulicher Unholde befreien und an der Tafel des Königs mit einem Sitz in der oberen Bankreihe geehrt werden. Immer wieder sahen seine Augen zu dem G ast herüber, der sich das einfache, aber herzhafte Mahl schmecken ließ. Doch mehr als die imposante Erscheinung des Ritters und die Erzählungen seiner ruhmreichen Taten faszinierte den Knaben das Schwert, das in der Scheide an seinem Gürtel schwang.

„Du bist noch zu schwach, es zu halten." erriet der Ritter die Frage des Jungen. „Ein solches Schwert zu schwingen erfordert die Kraft eines Mannes."

„Die werde ich bald haben." entgegnete der Junge mit heller Stimme. „Bitte, Herr Ritter. Oder ist es Unehre für das Schwert, wenn es ein Bauernjunge berührt?"

„Pflug und Schwert sind aus dem gleichen Metall geschaffen. Und wenn es im Frieden an Metall mangelt, werden Schwerter zu Pflugscharren umgeschmiedet. Greif also zu und versuch dich daran." Lachend hielt der Ritter dem Neunjährigen das Schwert entgegen. Seine beiden kleinen Hände legten sich um den Griff und zogen die Klinge langsam heraus.

Es war dem Knaben, als ob das Schwert bei der ersten Berührung in seinen Händen vibrierte. Eine eigenartige Wärme und Kraft ging von der Waffe aus und schien seinen ganzen kindlichen Körper zu durchströmen. Der Junge spürte, daß dieses Schwert für ihn geschaffen war. Nur für ihn. Auch, wenn es jetzt diesem Ritter gehörte. Aber er wußte, daß er sein Leben lang nach dieser Waffe suchen würde. Einmal, wenn er das Alter erreicht hatte, würde er es finden und dieses unvergleichliche Schwert würde ihm gehören. Er würde seine Eltern heimlich verlassen und zum Hof des Königs eilen, um ein Ritter zu werden.

Langsam hob er die Klinge so, daß der Stahl leicht seine heiße Stirn berührte. In den Karfunkelsteinen des Griffes spiegelten sich seine leuchtenden Augen.

„Goldfeuer". flüsterten die Lippen des Knaben. „Goldfeuer...."

***

Ich habe zu ihm gefunden. Zu meinen Krieger. Meinem Herrn. Meinem Meister. Die Verbindung zwischen Stahl und Fleisch - ich spüre sie sofort. Das Schicksal hat uns erneut zusammengeführt. Und nun ist der Knabe von einst bereit. Er ist ein Mann geworden. Die kleinen Hände, die meine Griff einst umspannten, sind jetzt nervige Fäuste geworden.

Das Ziel der Wanderung ist erreicht. Geist und Materie sind durch dieses Zusammentreffen endlich vereint. Als der Ritter mich damals aus den Händen des Knaben wand und zurück in die Scheide schob spürte er nicht meinen Widerwillen. So nah am Ziel allen Sehnens. Und doch der Schicksalsbestimmung wieder entrissen. Ich litt die Qualen eines Verdurstenden, der unverrückbar an einen Felsen im Wasser angeschmiedet ist und sich vergeblich bemüht, mit seinen Lippen das ihm bis zum Kinn stehende lebensspendende Naß zu erreichen.

Doch jetzt umspannt die Faust des Knaben von einst als Mann meinen Griff und ich spüre seine Kraft, die mich umfaßt hält. Lang war der Weg bis zu diesem Augenblick, auf den ich gewartet und gehofft habe, seit mich mein Vater mit Hammer und Amboß schuf und mich zum ersten Mal im Sonnenlicht glänzen ließ. Vielen Männern, hoch und niedrig, ehrenhaften und schurkigen, mußte ich meine Dienste leihen. Kostbare Schwerter bleiben ihren Besitzern nur so lange erhalten, wie sie die Kraft haben, ihr Eigentum zu wahren und es niemals, auch den besten Freunden gegenüber nicht, an Mißtrauen fehlen lassen. Zu viel Neider gibt es, die eine solche unvergleichliche Waffe in ihren Besitz bringen möchten und sie in offenem Kampf oder durch Heimtücke in ihren Besitz bringen wollen. Und das Schwert muß der Faust gehorchen, die das Heft umspannt und den Weg des Armes gehen, der es führt.

Ich vermag die verschiedenen Männer, die mich im Verlauf meines Lebens zum gerechten Streit oder zu unehrenhaften Kampf aus der bergenden Scheide zogen, nicht zu zählen. Einigen von ihnen war ich wie eine Geliebte, anderen wie eine Hure. Doch ob im ehrenhaftem Kampf oder durch heimtückische Neidtat - es war warmes, pulsierendes Leben, das durch mich ausgelöscht wurde.

Tapferen Rittern im ehrenhaften Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und dem Schutz der Schwachen diente meine Spitze und Schärfe genauso wie dem Wegelagerer, der lachend mit meiner Schärfe das Herz des wehrlosen vor ihm winselnden Kaufmanns durchschnitt. Die Henkershand führte mich, das Urteil über das Leben zu vollstrecken und die Faust des Kämpfers, der zum Gaudium der erregten Masse in der Arena seinem unterlegenen Gegner den Weg in die ewige Nacht weist. Ein gekrönte Herrscher stützten sich auf mich in feierlicher Reichsversammlung und ich diente ihm zu dieser feierlichen Zeremonie genau so wie dem Usurpator, der mich der Hand des Königs auf dem Thron entriß und mit meiner Spitze den Kronreif vom Boden hob, der mit dem Haupt des gefällten Monarchen über den Boden gerollt war.

Ich wurde erobert, gestohlen, verkauft oder verschenkt. Ich blitzte zum Schutz der Gerechtigkeit und des Friedens genau so wie von frevelnder Hand geschwungen zu Mord, Plünderung und Barbarei. Niemand fragt ein Schwert, ob es sein Wille ist, das zu tun, wozu es durch die Kraft des führenden Arms gezwungen wird.

Doch nun ist er da. Der Krieger, den ich einst erfühlte, als er selbst kaum genug Kraft hatte, mich mit beiden Händen zu erheben. Jetzt schwingt er meine Klinge stolz über den Kopf und der Wind hilft mir, im Schwung ein sirrendes Lied zu singen. Das Ziel meiner Lebenswanderung ist erreicht. Mögen es die Götter des Stahls geben, daß uns das Schicksal nicht mehr trennt. Niemals.

Goldfeuer. Diesen meinen Namen senkten einst die Götter in das Herz des Knaben. Und nun ist er wieder von seinen Lippen geflossen und ich habe ihn gehört.

Goldfeuer. Nun darf ich wieder ich selbst sein und den Namen führen, den einst Ruliar, mein Vater, über meine nach dem Bad in den Flammen erkaltende Klinge flüsterte.

Goldfeuer...

***

Sedac, der Grausame, brüllt auf wie ein verwundetes Tier, als ihm Goldfeuer durch Fleisch und Knochen fährt. In der Hand des Jünglings scheint die Klinge zum Leben erwacht und er schwingt die mächtige Waffe mit der Leichtigkeit einer Feder.

Es war ein Kampf, wie ihn Sedac noch nie erlebt hat. Hart und kompromißlos wie das Sterben, das dem Leben folgt. Zum ersten Mal spürte der Grausame die Krallenhand des Todes über sich. Nach wenigen Hieben hatte er Knabe den Schild verworfen und führte das unvergleichliche Schwert mit beiden Händen. Der Wirbel seiner Hiebe war eine Todesmühle, die auf den Herrn über die Leichenfelder des Krieggottes zu rollte. Späne flogen aus Sedacs Schild. Metall kreischte, wenn sich das Schwert des Gegners in der Brünne verbissen. Ein gewaltiger Hieb fegte König Mallamers Heerführer den Helm vom Kopf..

Der ‘Grausame’ spürte den eisigen Hauch des Totengottes. Da schlich sich Furcht in sein Herz. Die Furcht vor diesem Knaben und dem Schwert, das in seinen Händen lebendig war wie eine Natter. Und genau so gefährlich und tödlich. Sedac bekam Angst. Angst vor den rasenden Schmerzen der Todeswunden. Angst vor dem Sterben und dem Sturz hinab in die ewige Nacht. Aber noch mehr fürchtete er den Spott in den Augen der Männer blitzen zu sehen, wenn er sich vor der Entscheidung der Waffen umwandte und dem Kampf entfloh. Und so hielt Sedac den auf ihn einprasselnden Hieben stand bis zu dem Augenblick, als die Spitze des Schwertes seinen eisernen Panzer durchschnitt und der Schmerz in ihm aufraste. Die Wucht des Stoßes ließ ihn rückwärts taumeln und schwer zu Boden stürzen. Der reißende Wundschmerz und die schwere Rüstung ließen es nicht zu, daß er sich rasch erheben konnte.

So liegt König Malamers bester Kämpfer besiegt am Boden und erwartet das unausweichliche Ende. Warum zögert der Jüngling so lange, ihm mit einem raschen Stoß den Lebensfaden zu durchtrennen? Es ist sein Recht, den unterlegenen Gegner auf dem heute allgegenwärtigen Altar des gnadenlosen Kriegsgottes zu opfern.

„Du hast gesiegt. Töte mich!" knirscht Sedac und krümmt sich unter Schmerzen auf dem felsigen Boden. Doch der Gegner hebt die Klinge zum Gruß an die Stirn und winkt den abseits stehenden Kriegern, ihren Herrn zu bergen.

„Du sollst nicht durch Goldfeuers Schärfe sterben. Es ist mein Dank dafür, daß du mir das Schwert, das für mich bestimmt ist, gebracht hast." ruft Cardis dem Stöhnenden zu, den zwei herbeieilende Gewappnete zur Seite getragen haben und ihm die Rüstung öffnen, um die Wunde zu versorgen. Schweratmend auf das Schwert gestützt beobachtet der Jüngling, wie sich Sedac trotz seiner Wunde mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf die Füße erhebt.

„Gib den Weg frei und sei das erste Schwert am Hof König Mallamers." hört Cardis die Stimme des verwundeten Heerführers.

„Mein Leben für Königs Angram und die Ehre für mich." Die Stimme des Jünglings schmettert wie eine Kriegstrompete. Mit beiden Händen schwingt er herausfordernd das gewaltige Schlachtschwert. Sedacs Blut an Goldfeuers Klinge spritzt beim sausenden Schwung und die roten Tropfen blitzen im Licht der Abendsonne wie funkelnde Rubine.

„Wähle, Jüngling!" grollt Sedac. „Ein Leben in Reichtum und Ruhm - oder ein ehrenvoller Tod. Du kannst mich nicht aufhalten. Ich werde diesen Felsenpfad wandeln, auch wenn ich über die Leiber aller meiner Männern wandeln muß."

„So wandle denn, und ich werde dich erwarten, damit deine Krieger auch im Schattenreich nicht ohne Feldherrn sind." erklingt die stolze Antwort.

„Du wählst also den Tod, junger Narr?" klingt Sedacs Stimme in verzweifelter Wut. Alles in ihm drängt danach, diesen Jüngling wie einen Sohn, den er niemals haben wird, in die Arme zu schließen und ihn danach wie auch einen Sohn zu halten. Doch der grausige Götze der Schlachtfelder hat noch nicht genug Blut geschlürft und giert nach einem weiteren Opfer.

„Den Tod wähle ich - wenn es für meinen König das Leben und die Freiheit bedeutet." ruft Cardis entschlossen. „Und jeden, der meinem Herrscher durch diese Klamm folgen will, werde ich mit diesem Schwert ins Reich der Schatten senden, damit er meine Seele dort dereinst bediene. Wer sich mir naht, der trägt Goldfeuer im Herzen..."

***

Wie kühn er redet, Wie mutig er sich einer unübersehbaren Übermacht entgegen stellt. Wie todesverachtend er die Treue zu seinem König zeigt.

Stolz bin ich, der Kraft dieses Ritters zu dienen. Die lange Reise zu ihm hat sich gelohnt. Nur er ist würdig, mich im Streit zu schwingen. An Tapferkeit und edler Gesinnung ist er den großen Recken der Vorzeit gleich, von denen des Harfners Lieder erklingen. Und ich, Goldfeuer, werde helfen, das Werk meines Meisters zu vollenden...

***

„Wer ist der Nächste, der seinen Gott sehen will?" kommt es keuchend zwischen den Felsen hervor. Sedac beginnt innerlich zu zittern, als die Stimme immer noch nicht verstummt ist. Längst haben Hornsignale vom anderen Ende der Klamm verkündet, daß König Angram das Schiff erreicht hat und in Sicherheit ist. Aber der Jüngling harrt noch immer auf seinem verlorenen Post aus.

Noch einmal hat Sedac zwanzig seiner besten Krieger im offenen Kampf sterben sehen. Zwanzig schwer gerüstete Männer, die von den wilden Streichen eines Jüngling dahin gemäht wurden. Und es war, als ob das Schwert im Klirren des Metalls ein Triumphlied singt.

„Goldfeuer! Goldfeuer!" war immer wieder der Kampfruf des Jungen zu vernehmen. Dann der Aufschrei, wenn die Klinge durchs Leben fuhr und eine Sterberöcheln. Und der nächste Kämpfer mußte auf die entseelten Körper seiner Kameraden treten, um sie zu rächen. Doch der starke Arm des Jünglings, seine katzenhafte Gewandtheit und die Schärfe des Schwertes sorgten dafür, daß der Rächer zum Begleiter der vorangegangenen Seelen wurde.

Alle sind tot. Die Besten sind gefallen. Dämonen der Tücke wollen Sedac einreden, alle seine verbliebenen Männer zugleich stürmen zu lassen. Gegen eine Mauer aus Schilden und dazwischen vorstoßende Speere vermag auch dieser kühne Jüngling nicht zu kämpfen. Und auch auf die Entfernung hin erkennt Sedac, daß die Hiebe des Jünglings allmählich schwächer und seine Bewegungen langsamer werden. Aus hindert kleinen Wunden sickert Blut und mit dem roten Lebenssaft entweichen die Kräfte aus seinem Körper.

Ist der kühne Jüngling überhaupt noch in der Lage sich zu wehren? Sedac sieht ihn langsam auf der schützenden Klamm heraustaumeln. Zwischen den Falten seines zerfetzten Gewandes glimmert rote, träge fließende Quellen des Blutes. Aber in seinen Händen schimmert immer noch der tödliche Stahl, bereit einem weiteren andringenden Feind den Weg in die ewige Dunkelheit zu weisen. Und er senkt die Waffe nicht zum Zeichen der Ergebung, obwohl mit dem Blut aus den Wunden das Leben aus seinem Körper sickert.

Sedac ist ein harter, gnadenloser Kriegsmann. Aber hier rührt etwas an seine Seele. Saiten, die er niemals zuvor in ihrem Inneren klingen hörte, beginnen zu singen. Dieser tapfere Jüngling soll leben. Er muß leben, um die Lieder zu hören, mit denen man seinen Heldenkampf besingen wird. Er muß der Sohn werden, den er sich stets mit heißem Herzen gewünscht hat.

Doch die gemeine Soldateska versteht nichts von der Ehre eines Kriegers. Sie sieht nur die Chance, den unüberwindlichen Gegner, der seien Schutz hinter den Felsen verlassen hat, jetzt aus sicherer Entfernung zu töten. Sedacs Zornesadern an den Schläfen schwellen an, als er sieht, wie sich zehn Bogen heben und Pfeile aufgelegt werden. Und die Spitzen der tödlichen Geschosse weisen auf den einsamen Kämpfer, der jetzt, das Schwert mit beiden Fäusten umklammert, vor der Felsenklamm steht. Sedac reißt den Mund auf und will schreien...will befehlen...will es verhindern...

***

Der Speer und der Pfeil sind für Feiglinge. Aus großer Entfernung bringen sie dem Gegner den Tod, ohne daß man selbst in Gefahr gerät, die übermächtige Stärke des Feindes zu spüren. Der Gegner wird nicht mit Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer bekämpft, nein, er wird durch Speer und Pfeil erlegt wie das Wild. So bleibt der Feind anonym und kann nicht bis hinab in die tiefsten Träume folgen. Denn auf eine Speerwurfweite oder die Strecke, die der Pfeil fliegt, sieht man den Schrecken des Todes im Antlitz des gefällten Gegners nicht.

Das Schwert ist die Waffe des wahren Mannes.. Daß Weiße im Auge des Gegners sehen, seinen keuchenden Atem auf dem eigenen Körper spüren und aus nächster Nähe das ertragen, das die Klinge im Hieb oder Stoß angerichtet hat. Im Tanz der Schwerter überlebt nur, wer stärker, ausdauernder, gewandter und listenreicher ist. Die anderen sterben so rasch wie die frisch entsprossene Blume, die der Morgenfrost im Frühling vor der Zeit dahin rafft.

Doch nur wenige Männer begreifen in ihrem Inneren, was den Ehrenkodex eines wahren Kriegers ausmacht Daß die Ehre höher zu achten ist als das Leben. Und daß Ehre bedeutet, dem Gegner gegenüber mit gleichen Waffen zu fechten und sich keinen noch so geringen Vorteil zu erschleichen.

Einem solchen Helden zu dienen, das ist der stählerne Traum eines jeden Schwertes. Doch das Schicksal will, daß diese Helden kaum das Greisenalter erreichen.

Wen die Götter lieben, den nehmen sie jung zu sich...

***

Mehr als zehn Bogensehnen zwitschern das Lied vom Sterben. Zehnfach dringt der gefiederte Tod ins Leben des Jünglings, der erst in dieser Stunde ein Mann wurde - und als Mann sterben muß.

Gewaltsam reißt sich Sedac von den Männern, die ihn stützen, los. Seiner selbst nicht mächtig und ohne auf den reißenden Schmerz in seiner Wunde zu achten hastet er hinüber zu seinem einstigen Gegner. Cardis ist zu Boden gesunken und im Fallen sind die Schäfte der zehn Pfeile in seiner Brust zersplittert. Als ihn Sedac mit letzter Kraft umwälzt sieht er den Schatten des Todes über die allzu jungen Züge des tapferen Kämpfers wehen. Der Körper wird von Todesschauern durchzuckt, aber die mahlenden Zähne zerknirschen den Schmerz. Die beiden Hände aber umklammern das Heft des kostbaren Schwertes und führen den Knauf an die Lippen.

„Goldfeuer!" verweht es von Cardis Lippen...

***

Was ist das Leben und was ist der Tod? Das Ende - oder ein neuer Anfang? Ich spüre, wie die Wärme aus den Händen meines Meisters entweicht. Doch seine Finger umklammern mein Heft und sind auch jetzt noch, wo der letzte Lebensfunke zerglüht ist, fest geschlossen.

Ich schmiege mich in seine erkaltenden Hände. Wir haben uns im Leben gefunden. Und nun soll uns auch der Tod nicht trennen. Denn der Tod ist nur der Beginn einer anderen Bewußtseinsebene des unsterblichen Geistes ohne Materie.

Und so nimmt mein Meister mich mit hinüber in jene andere Spähren, in denen alles von Neuem beginnt. Die unbekannten, unsichtbaren Mächte, die von den Menschen Götter genannt werden, haben uns im Leben zusammengefügt.

Und sie lassen nicht zu, daß der Tod uns trennt....

***

Der Söldner, der versuchte, das kostbare Schwert aus dem noch im Tode festen Griff der Hände zu winden, spürte die Faust von Sedac, dem Grausamen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und gebrochenem Kiefer wälzte er sich brüllend auf dem Boden.

Obwohl das Leben aus dem Körper von Cardis wich, umklammerten seine erkalteten Hände Goldfeuers Griff. Noch im Tode ließ er das unvergleichliche Schwert nicht fahren. Trotz des brüllenden Schmerzes in seiner Wunde bewachte Sedac wie ein erzürnter Löwe mit blank gezogener Waffe den Körper des einstigen Gegners vor den Feiglingen mit den Bogen, die jetzt nach der kostbaren Waffe gieren. Und wessen Augen beim Blick auf das kostbare Schwert begehrend aufglühten, der vergaß seinen Herzenswunsch bei einem Blick in die Augen des grimmigen Wächters.

Die Männer mit den Bogen nannten Sedac hinter vorgehaltener Hand heimlich einen Narren. Er hatte doch das Recht, sich die ihm im Kampf entwundene Waffe wieder anzueignen. Ein Schwert, das eines Königs würdig war. Doch der ‘Grausame’ ordnete an, daß dieser tapfere Krieger, der seine Waffe noch eisern im Tod umklammert hält, gemeinsam mit dem Schwert unter den Felsen hinüber in die Ewigkeit schlummern soll. Und König Mallamer, dem die Kunde des Heldenkampfes zuflog, befahl, daß jeder der überlebenden Krieger dieses blutigen Tages einen kopfgroßen Stein herbeizuschaffen hatte, um dem toten Helden ein würdiges Grab zu türmen.

Viele Tote des Tages galt es zu beklagen Auf beiden Seiten sanken Jünglinge und Männer in der Blüte ihrer Jahre dahin. Doch nur einem von ihnen wölbte man einen Grabhügel, auf den ein König den Schlußstein setzte.

Und nur Sedac, der Grausame, spürte, daß es nicht nur die letzte Ruhestätte eines Helden war, sondern auch das Grabmal einer großen Liebe.

„Goldfeuer." bebte es über seine Lippen, als er sich umwandte...

***

Schlaf! Ewiger Schlaf! - Ruhe! Ewige Ruhe!

Wir haben zueinander gefunden. Der Geliebte hat seine Hände zärtlich um mich gelegt und ich schmiege mich an seine Brust. Nun ruhen wir aus von dieser Existenz und dämmern, von tonnenschwerem Felsgestein geschützt, der Anderen entgegen.

Cardis, der Meister. Und Goldfeuer, das Schwert.

Ich liege, von den erstarrten Händen umklammert auf seiner Brust und werde so liegen bleiben, bis der Körper meines Geliebten im Staub vergangen ist und der Rost meine Substanz zerfressen hat.

Er, der Bräutigam und ich die Braut. Aber unsere Hochzeitsnacht ist die Unendlichkeit. Tonnenschwere Steine bewahren die Ruhe unseres Brautbettes, in dem wir im niemals endenden Schlaf einem neuen Bewußtsein entgegen schlummern. Ein Zyklus ist beendet - doch ein neuer Kreislauf hebt an...

Nur der kurze Hauch eines Augenblicks war uns im Leben vergönnt.

Aber nun sind wir für im Tode für immer verbunden.

Zunächst einmal für die Ewigkeit.....

E n d e

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