DIE CHATTEN-SAGA

Das neue Historien-Projekt mit dem Wartberg-Verlag in Gudensberg

Die Chatten....

Mit diesem Begriff kann außerhalb von Nordhessen kaum jemand etwas anfangen. Für Computer-Dompteure und Vertreter der neudeutschen Sprachwelt bedeutet „chatten" eigentlich etwas anderes. Und deshalb wurde es wirklich Zeit, hier etwas Aufklärung zu betreiben.

„...Heimstätte der tapferen Chatten" Diese Zeile aus dem „Hessenlied" das da beginnt mit „Ich kenne ein Land, so reich und so schön..." ließ mich schon als Kind Fragen stellen, was denn die Chatten wären. Und dann erzählte man mir, dass die „alten Chatten" hierzulande die „alten Germanen" waren, die hier an den Ufern von Fulda, Eder und Diemel hausten. Mehr wusste der Lehrer aber nicht zu sagen und so stellte ich mir die Chatten mit zotteligen Fellen bekleidet und mit Kuhhörnern am Helm vor, wie sie auf Bärenhäuten liegen und den ganzen Tag Bier und Met in sich rein kübeln.

„Ihr oberste Gott war Wotan!" So viel wusste meine Mutter auf die Frage eines ca. Achtjährigen zu antworten. Alles in allem etwas sehr spärlich. Erst als mir dann ein Jugendbuch über „Armin, den Cherusker" in die Hände fiel (einer der „Göttinger Jugend-Bände", die mich überhaupt erst auf den Historien-Trip brachten), erfuhr ich etwas mehr über die „alten Germanen", wie sie wirklich waren. Das alte Klischeebild von den sauf- und rauffreudigen Naturburschen lebt auch heute weiter in der Vorstellung des normalen Nordhessen. Und zum Mindesten im Trinken von Bier tun wir es unseren Altvorderen gleich – wenn wir auch heute „Prost" und nicht „Wotan zum Preise" sagen.

Wenn man dann mit der Familie mal einen Wandertag auf der Altenburg bei Niedenstein macht, dann erzählt man seinen Ablegern, dass hier eben die alten Chatten hausten und die vor Ort recht unscheinbar wirkenden Wälle in der Germanenzeit eine starke Festung waren. Tatsächlich sind diese Wallanlagen keltischen Ursprungs und waren schon da, als die Chatten vom, Osten her in unser Land „einwanderten". Aber sie wurden auf jeden Fall auch von den Chatten als sog. Fluchtburgen übernommen und genutzt.

Fluchtburgen? Die lieben Kleinen, durchs Fernsehen an Festungsanlagen a la Hollywood gewöhnt, schütteln nur den Kopf, weil man über den kleinen Erdwall doch einfach drüber springen kann. Dass auf dem Wall noch eine Palisade stand und die Krieger dahinter mit ihren Waffen durchaus in der Lage waren, den von unten ansteigenden Feind schon im Waldkampf zu dezimieren und von der Palisade herab mit den langen Framen (Speeren) abzuwehren, kann man sich nur mit dem nötigen angelesenen Wissen und einer dazu gehörigen Portion Phantasie vorstellen. Und auch, dass eine solche Fluchtburg bis zum letzten Blutstropfen verteidigt wurde. Denn in den Hütten auf dem Hügel darauf hatten die Familien in Kriegszeiten ihre Wohnung, wenn das Leben in den Häusern im Tal durch eindringendes Kriegsvolk zu unsicher wurde. Und alles, was von Wert war, wurde mitgenommen. Vor Allem das Vieh, das auf dem damals gerodeten Bergrücken genügend Gras fand und das Saatgetreide, ohne das im nächsten Jahr ein qualvoller Hungertod drohte.

Wer weiß das alles schon? Vielleicht einige Gelehrte oder Mitglieder in Heimatvereinen. Und wer durch einen solchen Sonntagsspaziergang Interesse sm Leben unserer Altvorderen findet, der sieht sich vergeblich nach Büchern um, die so geschrieben sind, dass man sie auch ohne Abitur und Studium versteht. Und die vielleicht noch so spannend geschrieben sind, dass man sie wie einen Roman lesen kann und sie trotzdem belehrend sind.

So kam es eines Tages dazu, dass mein Freund Hans Klipp, dessen Sohn damals gerade im Sandkasten spielte, mich fragte, wo man denn Lesestoff über die Chatten finden könnte. Denn er wollte Tobias, wenn er etwas älter wäre, auch mal etwas über die Menschen erzählen, die hier vor hunderten von Jahren gelebt haben.

Ja, und dieses Gespräch war eigentlich der Anfang der Chatten-Saga. Denn weil es in dieser Richtung nichts zu lesen gab, forderte Hans mich auf, dann doch selbst mal etwas zu schreiben. Es gäbe da einen nordhessischen Verlag, der Bildbände aus unserer Heimatregion machte und so etwas sicher produzieren würde. Dass ich für diesen Verlag erst einmal drei Krimis mit Lokal-Kolorit geschrieben habe, ist eine andere Geschichte.

Ja, und nun ist der Anfang der „Chatten-Saga" geschrieben und es ist sicher nur recht und billig, dass sich sie meinem Freund Hans und seinem Sohn Tobias gewidmet habe. Denn ohne sie wäre die „Chatten-Saga" nie entstanden. Und diese Saga ist, nach meinen Vorstellungen und Planungen , erst der Anfang einer Reihe von Geschichten aus der Geschichte Nordhessen, die über die Jahrhunderte bis in die neuere Zeit reichen soll.

Wo wir in unserer Nordhessischen Heimat hinsehen, weht uns der Hauch der Geschichte entgegen. In alten Mauerresten und mittelalterlichen Stadtkernen, ehemaligen Klöstern und jahrhundertealten Kirchen, uralten Fachwerkgehöften in den Dörfern spricht die Vergangenheit zu uns. Gelegentlich finden sich Gedenktafeln, die auf bestimmte Personen oder Ereignisse hinweisen, von denen nur die Fachgelehrten etwas wissen. Der normale Betrachter findet jedoch kaum Antwort auf seine Fragen.

Wie leben die Menschen hier in der Steinzeit oder in den Tagen Karls des Großen? Gab es hier auch Belagerungen und glanzvolle Turniere in der Ritterzeit? Was mag sich zur Zeit des berühmten Landgrafen Karl abgespielt haben, als die „Ausländer", die französischen Hugenotten, als „Asylanten" ins Land kamen? Und was war eigentlich mit dem Verkauf seiner „Landeskinder" nach Amerika, mit dem Landgraf Friedrich II, der durch sein Standbild auf dem Kasseler Friedrichsplatz bekannt ist, seine teuere Hofhaltung finanzierte? Wie lebte man überhaupt in diesen Tagen in der festungsbewehrten Residenzstadt Kassel und wie in den Dörfern auf dem Land?

Um auf alle diese Fragen einmal eine Antwort zu geben, wurde diese Idee entwickelt, deren Anfang die „Chatten-Saga" darstellt. Genau genommen gehört noch ein geplanter Band davor, der Ereignisse aus der Steinzeit (das Steinkistengrab bei Züschen) sowie die Bronze- und Eisenzeit (Ringwälle auf der Altenburg) behandelt.

In mehr oder weniger langen Geschichten aus der Geschichte wird dem Leser das Bild der Vergangenheit nahe gebracht. Und zwar so, wie es tatsächlich gewesen ist, nicht, wie Hollywood es verfilmen würde. Gewiss, die Handlungen der Geschichte und ein großer Teil der Personen sind frei erfunden – doch oft genug werden Dichtung und Wahrheit miteinander verwoben. Doch am Ende eines jeden Bandes sollen die historischen Hintergründe der erzählten Geschichte konkret wieder gegeben werden.

Auf dieser Basis besteht meinerseits auch Bereitschaft und Interesse, für Städte und Regionen, die nicht unbedingt nur in Nordhessen zu liegen brauchen, historische Romane über besondere, nachweisbare Begebenheiten der lokalen Geschichte zu schreiben. Voraussetzung dazu sind jedoch die Möglichkeiten eingehender Recherchen vor Ort und Einsicht in alle Dinge, die die jeweiligen Archive über jenes Ereignis hergeben. Ich muss ungefähr wissen, welche Häuser und Kirchen in der besagten zeit standen und gewisse Strecken ablaufen, um ein Gefühl für die Entfernungen zu bekommen. Außerdem sind die Kontakte zu den örtlichen Heimatvereinen unabdingbar, weil hier Detailwissen bekannt ist, das man sonst n Schriftform kaum bekommt.

Romane dieser Art eignen sich nicht nur für Jahrestage der Stadtgründung, sondern bringen den jeweiligen Bürgern auch einen Teil der eigenen Vergangenheit nahe, in der sie ihre Stadt oder Region künftig sehen. Überall, wo es einen mittelalterlichen Stadtkern gibt und Mauern mit Wehrtürmen vorhanden sind, können solche Romane angesiedelt werden.

Wenn die Sache genügend interessierte Leser findet und für den Wartberg-Verlag wirtschaftlich tragbar ist, lässt sich nicht nur eine Weiterführung der Chatten-Saga realisieren, sondern auch eine Fortführung der Geschichten aus der Geschichte über das Mittelalter hinaus bis in die neuere Zeit.. Die einzelnen Geschichten sind zwar in sich abgeschlossen, doch es zieht sich ein „roter Faden" hindurch, aus dem nicht nur am Schluss einer Periode das „große Ganze" erkennbar ist, sondern auch, was aus den Einzelpersonen oder Familien-Clans wurde.

Die groben Skizzen für die Chatten-Zeit wurden bereits bis in die Zeit der Sachsenkriege Karls des Großen gemacht, als man dann dazu über ging, von den „Hessen" zu sprechen. Und am zweiten Band der „Chatten-Saga" arbeite ich bereits. Hier begleitet der Leser auch Herzog Arpo ins Rom des Kaisers Tiberius. Denn die Römer haben seine Frau und seine Tochter entführt und Arpo muss auf Befehl des Cäsaren in der Arena um das Leben seiner Familie kämpfen. Wer den Film „Gladiator" gesehen hat, kann sich vorstellen, was ihn neben den Intrigen im Palast des Kaisers erwartet.

In der Zeit der Chatten setzt die historische Greifbarkeit unserer nordhessischen Geschichte ein und deshalb stehen die Tagen, als die Adler Roms über den Rhein ins Innere Germaniens getragen wurden am Anfang unserer Geschichten aus der Geschichte....

Die Chatten – wie sie wirklich waren...

Innerhalb der Geschichten wird, trotz aller actionreichen Handlung, immer darauf geachtet, die Realität der Lebensumstände vor zweitausend Jahren nicht außer Acht zu lassen. Die „Kulisse" bieten die wenigen schriftlichen Berichte der antiken Autoren. Für die „Germanenkriege" sind die „Annalen" des Tacitus die Grundlage, für die Sitten und Gebräuche die „Germania" , in der Tacitus den Chatten zwei Kapitel gewidmet hat. Tacitus war selbst nie in Germanien und es ist daher zu vermuten, dass sie von ihm beschriebenen Sitten und Gebräuche der Germanen vornehmlich die Chatten betreffen, weil die Römer hier durch die Grenze am Limes den besten Kontakt hatten. Zwar behandelt die „Saga" vornehmlich die Geschehnisse im Norden des Chattenlandes, aber diese Dinge dürfen sich kaum gravierend von den südlicheren Chatten im Taunus und der Wetterau unterschieden haben.

Für die Geisteswelt (Götterglaube, Bräuche etc.) innerhalb der Saga wurde nebst anderen Fachbüchern die „Deutsche Mystik" von Jacob Grimm zu Rate gezogen. Denn die Brüder Grimm schreiben das auf, was ihnen die „Alten" damals erzählten, in denen das Wissen der Altvorderen noch wie spärliche Funken unter der Asche eines erkalteten Feuers glühten. Manches aber wurde auch auf dieser Grundlage nachempfunden. Wenn es auch vielleicht nicht tatsächlich so war – aber so hätte es gewesen sein können. Was wirklich war, hat der Wind der Geschichte hinweg geweht. Aber einige Dinge, die das Fundament der Chatten-Saga bilden, stehen auf jeden Fall fest...

Das Volk der Chatten, das sich vor mehr als zweitausend Jahren in unserer Heimat ansiedelte, ist uns bis auf die wenigen Zeugnisse römischer Schriftsteller vom ersten Jahrhundert n. Chr. ab weitgehend unbekannt. Obwohl nach dem Bericht des Tacitus das Zentrum des Chattengaus in Nordhessen lag, sind hierzulande unser vor gut zweitausend Jahren lebenden Altvorderen weitgehend unbekannt. Die Sage berichtet von den Legenden-Königen Chatto und Hassus. Aber damit hört es auch schon auf.

Außer der Tatsache, dass sie ein rein germanischer Volksstamm waren, lassen sich von der aktuellen Wissenschaft weder Herkunft der Chatten noch ihre Sprache oder gar eine durchgehende Geschichte von ca. 600 Jahren (d.h. von der „Einwanderung der Chatten bis zur Christianisierung durch Bonifatius) schlüssig rekonstruieren. Ihre Sprache, ja selbst ihre Namen sind bis auf geringe Erwähnungen von Herzogen oder Priestern durch die zeitgenössischen römischen Geschichtsschreibung vom Nebel der Vergangenheit verweht.

Dennoch waren die Chatten ein Volk, das nach der Landnahme im heutigen Nordhessen vermutlich um 40 v. Chr. im Gegensatz zu anderen germanischen Volksgruppen seinen Wohnsitz nicht mehr verließ. Tacitus berichtet von einem Kampf der Chatten gegen den römischen Feldherrn Germanicus an der Eder und einen Kriegszug gegen die Hermunduren im heutigen Thüringen um einen Salzfluss zur Zeit Kaiser Neros. Danach zieht die Geschichte einen Schleier über den Norden des Hessenlandes, der erst in den Tagen der fränkischen Merowinger wieder gelüftet wird.

Nach der endgültigen Vernichtung der Cherusker zur Zeit des Kaisers Konstantin wurden die Chatten Nachbarn der Sachsen. Die heutige Grenze der Bundesländer Niedersachsen und Hessen ist vermutlich mit der alten Grenze zwischen Chatten und Cheruskern bzw. Sachsen identisch und waren ganz sicher Schauplatz vieler namenloser Kriegs- und Beutezüge bis hin zu den Sachsenkriegen, die Karl der Große führte.

Von den Chatten südlich der Linie Lahn, Vogelsberg und Rhön berichtet uns die römische Geschichtsschreibung etwas mehr als von ihren Vettern in den nordhessischen Gauen. Zu Beispiel, dass bei einem Feldzug gegen die Süd-Chatten, die vorher einen Raubzug auf römisches Gebiet unternommen hatten, Römer aus der Sklaverei seit den Tagen der Varus-Schlacht befreit wurden( es gab also doch Überlebende). Die Süd-Chatten waren durch den nahen Limes, der die Grenze zur römisch-kultivierten Welt darstellte, wahrscheinlich „weltoffener" und eher der „neuen Zeit" aufgeschlossen als das harte, zähe Bauernvolk im Norden. Durch Erzählungen und Berichte von durchreisenden Händlern, die trotz der Limes-Grenze weiterhin das Land durchzogen und heimkehrenden Söhnen, die in der römischen Armee gedient hatten, waren die südlichen Chatten einfacher zu bewegen, an Kriegs- und Beutezügen ihrer eigenen Führer oder auch gemeinsam mit anderen Germanenstämmen teilzunehmen.

Aus den römischen Chroniken ist zu entnehmen, dass sich die Chatten teilweise den Sueben (Alemannen) auf ihren Kriegs- und Plünderzügen gegen das Imperium Romanum anschlossen. Feldzüge der römischen Kaiser Caracalla (213), Septimius Severus (234) und Maximinus Thrax (235) gegen die Chatten sind durch die römische Geschichtsschreibung historisch verbürgt. Doch ist kaum anzunehmen, das der Krieg bis bin die Gegend nördlich von Marburg getragen wurde. Hier war das Land zu unwegsam und unwirtlich und auch am wenigsten zu holen.

Es kann auch sicher angenommen werden, dass starke Verbände der südlichen Chatten gemeinsam mit den Franken und Alemannen den Rhein überschritten, um in Gallien neues Siedlungsland zu finden. Dieser erste große Germanensturm auf das Imperium Romanum wurde jedoch durch den späteren Kaiser Julianus Apostata im Jahre 357 durch die Schlacht bei Straßburg verhindert. Römische Quellen berichten, dass im Jahre 392 ein förmliches Bündnis zwischen Chatten und Franken zustande kam. Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass danach besonders im heutigen Südhessen das Chattentum im fränkischen Einfluss aufging.

Um 496 brachte König Chlodwig auch die Chatten im Norden endgültig unter die Vorherrschaft der Franken. Allerdings gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, ob der Franke das Land kriegerisch eroberte oder sich ihm die Chatten als einem starken Schutzherrn aus freier Entscheidung anschlossen. Es ist auch möglich, dass dieser politisch so klug berechnende wie hinterhältige Herrscher das nördliche Chattenland einfach „eingemeindete", ohne die Bevölkerung zu fragen. Und dem Bauern ist es egal, wem er die Abgaben zahlt, wenn er nur in Frieden seine Äcker bestellen kann. Geschickt ließen Chlodwig und seine Nachfolger den Nord-Chatten ihren heidnischen Glauben und ihre Gebräuche aus Altvätertagen., obwohl das Frankreich den christlichen Glauben angenommen hatte. Die fränkischen Herrscher betrachteten das Chattengebiet im Norden wahrscheinlich eher als ein Bollwerk ihres Reiches gegen die stets kriegerischen Sachsen und waren noch nicht vom religiösen Eifer späterer Herrscher erfasst. Im Jahrhundert der Christianisierung, als Bonifatius bei Geismar die Donareiche fällte, verschwand der Name „Chatten" zugunsten unserem heutigen Namen „Hessen".

Das Siedlungsgebiet der Chatten ist in seinen Grenzen nicht konkret festzulegen. Wie archäologische Funde beweisen, bildete das Zentrum im Norden jedoch sicher das Land zwischen Fulda, Eder und Diemel. Auch in Gegend um Eschwege, Bad Hersfeld und Fulda sind Wohnstätten der Chatten verbürgt. Das Lahntal, die Wetterau und die Nordhänge des Taunus finden konkrete Erwähnungen in der römischen Geschichtsschreibung als Siedlungsstätten der Süd-Chatten.

Doch während das Chattentum südlich des Vogelsbergs im Laufe der Zeit vom römischen und später alemannisch-fränkischen Einfluss überlagert wurde, hält sich das fast zweitausendjährige Erbe um Eder und Fulda in Märchen, Sagen und Überlieferungen bis in die heutige Zeit. Besonders bei der ländliche Bevölkerung Nordhessens haben sich Eigenarten und Brauchtum bewahrt, die in die Vergangenheit unserer heidnischen Vorfahren weisen. Denn unsere fast vergessenen Ahnen waren letzte Volksgruppe im fränkischen Machtbereich, die noch zu Wotan und den alten Göttern betete.

Wie bereits erwähnt werden die Chatten nur in kurzen Absätzen und beiläufigen Erwähnungen römischer Geschichtsschreiber für uns greifbar. Hauptsächlich ist hier der bekannte Publius Cornelius Tacitus zu nennen, der in seiner „Germania" und den „Annalen", d.h. einer detaillierten Geschichtsschreibung der römischen Kaiserzeit von Tiberius bis Nero unseren Altvorderen einige aufschlussreiche Zeilen gewidmet hat. Leider sind es nur wenige Hinweise auf Gebräuche und Anekdoten, die das Chattenvolk etwas aus dem Nebel der Vergangenheit hervortreten lassen. Andere Autoren der römischen Welt wie Strabo oder Cassius Dio haben fragmentarische Hinweise auf die Chatten in ihren Schriften hinterlassen. Wie so vieles aus dem römischen Schrifttum sind diese Erwähnungen jedoch mit Vorsicht zu genießen, da sie sich im Allgemeinen auf früher erschienene Werke wie z.B. den „Germanischen Krieg" des Plinius Secundus (gestorben beim Untergang von Pompeji) beziehen, die uns heute leider nicht mehr erhalten sind.

Die „Chatten-Saga" hat neben diesen „Chatten-Splittern" in den Werken verschiedener Römer hauptsächlich die „Annalen" und die „Germania" des Tacitus als Fundament, die der interessierte Leser problemlos im Buchhandel erhält. Das historische und kulturelle Wissen aus diesen Werken wird unterstützt durch den aktuellen Stand der heutigen Wissenschaft aus archäologischer Sicht.

Die „Geschichten aus der Geschichte" der Chatten-Saga sind so abgefasst, dass sie dem Leser neben einer actionreichen Handlung auch ein möglichst umfangreiches Bild vom Leben unserer Vorfahren in Krieg und Frieden, bei der Arbeit und beim Spiel, bei der Jagd und beim Gelage, von der Geburt bis zum Tode zeichnen. Es wird dabei auch der Versuch gemacht, die Ethik und Religiosität der Chatten im Wandel der Zeiten dazustellen.

Nur zwei historische Ereignisse im nördlichen Chattenland, die sich vor zwei Jahrtausenden in Nordhessen abspielten, sind in den „Annalen" des Tacitus wirklich eingehend behandelt und dokumentiert – der Kampf der Chatten an der Eder in der Zeit des Cheruskers Armin und die Niederlage im Krieg um den Salzfluss zur Zeit Kaiser Neros. Die historische Substanz der "Saga" wird hauptsächlich aus der „Germania" gebildet. Hier beschrieb Tacitus im allgemein die Sitten und Gebräuche aller Germanenvölker, um im Schlussteil konkrete Eigenarten der verschiedenen Stämme hervorzuheben. Es muss davon ausgegangen werden, dass der allgemeine Bericht des großen römischen Historikers über die Sitten, Gebräuche und Eigenarten der Germanen besonders für die Chatten zutrafen. Denn ihr Land lag im Zentrum des freien Germaniens. So kann es als sicher gelten, dass die Chatten vieles an Sitten und Gebräuchen von ihren Nachbarstämmen übernahmen bzw. auch in diesen Dingen von den Völkern anderer Gaue nachgeahmt wurden.

Da Tacitus jedoch vermutlich niemals in Germanien gewesen ist und sein Wissen über die Germanen aus Büchern und Erzählungen seiner Zeitgenossen bezog, die als Händler oder Legionäre das wilde Land jenseits des Limes kennen gelernt hatten, sind in den einzelnen Episoden der „Saga" einige seiner Deutungen gewisser Bräuche (z.B. bei der Hochzeit im geplanten Folgeband oder der Götterverehrung) etwas anders dargestellt, als es der Römer zu wissen glaubte.

Die Erzählungen aus der Chattenzeit ranken sich um die fiktiven Familien der Arpionen und der Hassionen, die im Raum des heutigen Gudensberg ihren Wohnsitz haben. Natürlich findet auch Kassel als späteres Oberzentrum ausreichend Erwähnung. Die ersten Episoden der „Chatten-Saga" sind größtenteils im ersten Jahrhundert n.Chr. angesiedelt, da aus dieser Zeit die antiken Quellen über die Chatten am reichhaltigsten sprudeln. Durch die nach den Texten entstandenen Bilder wird der Leser gleichzeitig zum Betrachter der damaligen Zeit.

Texte und Bilder des Buches ergeben in ihrer Einheit Bilder chattischer Vergangenheit ohne romantische Beschönigung und lassen uns erkennen, wie es in jenen Tagen tatsächlich im Norden unseres Hessenlandes ausgesehen hat.

Die Bilder wurden von Helen Keller, einer Zeichnerin aus Hannover, geschaffen, die mit ihren Fantasy-Zeichnungen für das „Schwarze Auge" bereits erste Erfolge hatte. Als Vorlangen diente ihr Bildmaterial aus meinen Sachbüchern und detaillierte Beschreibungen der einzelnen Szenen. Durch FOLLOW (Fellowship of Lords of a World of Wonder), den deutschen Fantasy-Club, hatten Helen und ich bereits vorher Kontakt und ich bin glücklich, mit ihr eine Zeichnerin gefunden zu haben, in der aus den Bildern auch etwas vom Geist des Buches herüber weht.

Wie bereits erwähnt widme ich dieses Buch meinem Freund Hans Klipp, der bedauerte, dass man nirgends ein Buch über die Chatten findet, aus dem seinem kleinen Sohn Tobias Geschichten über die Menschen, die hier vor langer, langer Zeit lebten, vorlesen könnte - und für mich damit eine echte Herausforderung schuf.

Und es wurde geschrieben im Gedenken an meinen verstorbenen historischen Mentor Josef Funke, Alt-Phiologe und Lehrer für alte Sprachen in Göttingen, der mich lehrte, die Vergangenheit zu begreifen, indem ich sie im Wort der Texte jener Zeit studiere und durch innerliches Erleben (d.h. geistiges Versetzen in das Denken der historischen Person) begreifen lerne.

Besonderer Dank gilt der ehemaligen Leiterin der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte beim Hessischen Landesmuseum in Kassel, Frau Dr. Irene Kappel, die mir Einblick in die derzeit vorhandene wissenschaftliche Literatur über die Chatten gab und die daraus gewonnenen Erkenntnisse durch besondere Hinweise auf den derzeitigen Grabungsstand in Nordhessen sowie das Sichten verschiedener Objekte aus der Chattenzeit untermauerte. Die aktuellen Ausgrabungen haben weit mehr Objekte aus allen Bereichen des Lebens in der damaligen Zeit hervorgebracht, als die vorhandenen Vitrinen im Museum fassen können. Dass es derzeit im Landesmuseum Kassel eine Ausstellung gibt, in der auch speziell Relikte aus der Chattenzeit gezeigt werden, konnte sie bei unserem Gespräch 1997 noch nicht ahnen.

Vielleicht trägt die „Chatten-Saga" dazu bei, dass mit der Erinnerung an unsere chattischen Vorfahren noch mehr von den Dingen gezeigt werden können, die derzeit noch in dem Archiven schlummern, weil in den vorhandenen Räumen des Kasseler Landesmuseums nicht genug Platz ist. Denn dann wird sich die Welt unserer nordhessischen Vorfahren dem interessierten Besucher erst richtig erschließen. Und vielleicht überkommt ihn beim Anblick jener Schauer der Erkenntnis, wie unsere Altvorderen lebten, liebten, litten und starben. Und er wird begreifen, wie sie dachten und träumten und wie sie die Probleme ihrer eigenen Zeit meisterten.

Ursprüngliche Anfänge der Chatten-Saga zu Kassel, im Januar 1997

Neufassung und Vollendung im Mai 2002 in Felsberg-Rhünda

Rolf W. Michael